07.08.2016 11:13
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Johanna Elisabeth Lüders, geb. de Boor (1811-1880)

    Carl Friedr.
de Boor
1776-1848
oo Johanna
Amsinck
1788-1812
       
      |          
               Wilhelm

1807-1844
N.N.

1808-1809
Carl

1810-1853
Peter
Lüders
1785-1878
oo Johanna
de Boor
1811-1880
       
            |    
        Carl

1834-1924
Johannes

1835-1924
Elisabeth

1837-1876
Wilhelm

1838-1917
 
  Johanna Elisabeth Lüders, geb. de Boor, * 21.10.1811 in Hamburg, † 18.07.1880 in Badenweiler. Tochter des Juristen Carl Friedrich de Boor und der Johanna, geb. Amsinck (T. d. Wilhelm Amsinck). Botanikerin. Veröffentlichte in mehreren Beiträgen ihre Versuche und Beobachtungen auf dem Gebiet der Algenkunde.

Johanna Lüders, geb. de Boor widmete sich in wissenschaftlicher Weise der Algenkunde und veröffentlichte ihre Resultate in mehreren  Beiträgen, die nicht nur bei Botanikern Anerkennung fanden. Der Weg zu einer angesehenen Algenforscherin war jedoch alles andere als vorgezeichnet. Johanna de Boor
Wenige Monate nach ihrer Geburt starb die Mutter, Tochter des in Hamburg sehr geschätzten Bürgermeisters Wilhelm Amsinck. Auch ihre Stiefmutter, die Senatorentochter Cornelia Sonntag, starb bereits nach kurzer Ehe. Eine Woche nach ihrem zehnten Geburtstag begab sich der Vater mit der erst 24-jährigen Elisabeth Hagelstein, Tochter eines Arztes aus Oldesloe, in die 3. Ehe.
Johanna verbrachte die Sommermonate vor den Toren Hamburgs auf dem väterlichen Landsitz, den Winter über in der Stadtwohnung Kohlhöfen No. 66. Über ihre Erziehung erinnert sich der ein Jahr jüngere Bruder:

Meine Schwester hatte eine sehr ungetrübte bequeme Jugend gehabt. Aus Grundsatz wurde sie in keine Schule geschickt, auch den Privatunterricht hatte sie nicht mit anderen Mädchen zusammen, sondern meist allein. Da so der Wetteifer fehlte, sie auch von Natur keinen grossen Trieb zum Lernen hatte, machte sie ungeachtet ihres großen Verstandes keine grossen Fortschritte."[1]

Ihre Brüder hingegen besuchten die Gelehrtenschule des Johanneums und gingen 1827/29 nach Heidelberg um an der dortigen Universität die Rechte zu studieren. Und auch Johanna hatte feste Absichten:

Da sie indessen herangewachsen in jeder Beziehung (sie war auch schön von Gesicht) für "eine gute Partie" gelten konnte, so erregte es ziemlich allgemeine Verwunderung, als sie sich ohne weiteres entschloß, den Anträgen eines Mannes Gehör zu geben, der, über noch einmal so alt war wie sie, und ein Auswärtiger war. Diesen, den damaligen Obergerichtsrat Peter Lüders in Glückstadt heiratete sie den 3. Dez. 1831."[1]
Das Ehepaar lebte zunächst in Glückstadt, wo auch der erste Sohn geboren wurde (1834). Bei der neuen Organisation der oberen Behörden in Holstein und Schleswig wurde Lüders als Regierungsrat nach der Stadt Schleswig versetzt. Hier kaufte Lüders 1839 das sogenannte Oehr, eine Halbinsel am Ufer der Schlei. Der darauf befindliche Landsitz war für fast ein Jahrzehnt Mittelpunkt der Familie, zu der inzwischen nicht nur drei Söhne und eine Tochter zählten, sondern auch Johannas Stiefschwester Franziska de Boor, vier Dienstboten und ein junger Dr. phil. Paulsen, der als Hauslehrer fungierte.
Die Ehe mit Peter Lüders war eine sehr glückliche, abgesehen davon, dass Johanna später, von „fast fortdauernder sehr ernster Kränklichkeit heimgesucht war, welche mehrere Jahre fortgesetzte Besuche des Seebades in Cuxhaven in Holstein zur Folge hatte."[1]

Im Jahre 1846 wurde er [Lüders], nebst den meisten anderen Regierungsräthen in Ruhestand mit vollem Gehalt versetzt. Im Sommer 1850 nötigten ihn die politischen Ereignisse, Schleswig schleunigst zu verlassen und sich in Holstein aufzuhalten. Er war meist in Kiel, wohin er im Frühjahr 1851 auch seine Familie zum bleibenden Domizil nachkommen liess."[1]
Als die Söhne auf die Universität gingen und Tochter Elisabeth sich 1857 verheiratete, begann Johanna Lüders - angeregt durch den in jener Zeit in Kiel ansässigen Botaniker Dr. Prof. Carl Jessen (1821-1889) - mit Studien zur Erforschung der heimische Flora. Von ihrem Ehemann nicht nur materiell großzügig unterstützt, erwarb sie sich im Eigenstudium weitere Kenntnisse - insbesondere auf dem Gebiet der Kryptogamen.
DIE ALGEN EUROPA'S, FORTSETZUNG DER ALGEN SACHSENS, RESP. MITTEL-EUROPA'S.
Ihre Versuche und Beobachtungen unter dem Mikroskop hielt sie akribisch fest - so machte sie zuerst auf die verstärkte Ölbildung bei Diatomeen aufmerksam (1869) - und vergrößerte mit der Zeit ihre Sammlung von Moosen und Algen.
Für die Gottlob Ludwig Rabenhorsts Werk "Die Algen Europas"[2] sammelte und dokumentierte sie zahlreiche Exemplare, die sie in der näheren Umgebung von Kiel ausfindig machte.

Dennoch waren ihre gewonnenen Erkenntnisse in einer von Männern geprägten Wissenschaft auch Ziel von Spott und Häme. Nach vereinzelter Kritik zu ihrem Beitrag „Ueber die Abstammung und Entwickelung des Bacterium Termo Duj., Vibrio lineola Ehrb." in der Botanischen Zeitung, sah sich Dr. Hensen, Prof. der Physiologie in Kiel, veranlasst, die Beanstandungen der Fachwelt zu beseitigen und bescheinigte ihr, dass „alle Versuche mit der großen Geduld, Ausdauer und Sorgfalt getrieben wurden."[3]

Die letzten Lebensjahre verbrachte sie im Kurort Badenweiler in Baden, wo sie nach langem schweren Leiden am 18. Juli 1880 starb.
Ihrem Wunsch entsprechend ging Ihre Bibliothek, die botanischen Sammlungen sowie das von ihr genutzte grosse Mikroskop von NACHET nach ihrem Tod in den Besitz des physiologischen und botanischen Institut der Universität Kiel über.[4]


Veröffentlichungen:

Einige Bemerkungen über Diatomeen-Cysten und Diatomeen- Schwärmsporen. in: BOTANISCHE ZEITUNG, 18. Jahrgang (1860), Seite 377-380.
Beobachtung über die Organisation, Teilung und Kopulation der Diatomeen. in: BOTANISCHE ZEITUNG, 20. Jahrgang (1862), Seite 41-43, 49-52, 57-61, 65-69.
Ueber Abstammung und Entwickelung des Bacterium Termo Duj., Vibrio lineola Ehrb. in: BOTANISCHE ZEITUNG, 24. Jahrgang, Nr. 5, 2. Februar 1866, Seite 33-39 und Nr. 6, 9. Februar 1866, Seite 41-46.
Ueber Abstammung und Entwickelung des Bacterium Termo Duj. = Vibrio lineola Ehrb. (Fundierung nach Kritik der Erstveröffentlichung) in: Archiv für Mikroskopische Anatomie herausgegeben von Max Schultze, Professor der Anatomie und Director des Anatomischen Instituts in Bonn. 1867, Seite 317-341.
 
 
 
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[1] Familien-Nachrichten der Familie de Boor von Dr. Carl de Boor, niedergeschrieben Anfang des Jahres 1853.
[2] RABENHORST, Gottlob Ludwig: DIE ALGEN EUROPA'S, FORTSETZUNG DER ALGEN SACHSENS, RESP. MITTEL-EUROPA'S. Decades I-CIX, numbers 1-1600 (or 1001-2600). Dresden, 1861-1882.
[3] Bemerkungen zu dem Aufsatz "Ueber Abstammung und Entwickelung des Bacterium Termo Duj., Vibrio lineola Ehrb." von Dr. Hensen in: Archiv für Mikroskopische Anatomie herausgegeben von Max Schultze, Professor der Anatomie und Director des Anatomischen Instituts in Bonn. 1867, S. 342 ff.
[4] Schriften der Universität zu Kiel, Bände 27-28. 1881.



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