11.10.2020 11:23
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Das Landhaus de Boor in Dockenhuden


Auf einem Geesthang an der Elbe, im heutigen Blankenese, befand sich zwischen Dockenhuden und Mühlenberg ein Landgut, das schon Anfang des 17. Jahrhunderts urkundlich erwähnt wird. Auf dem Areal befand sich neben altem Baumbestand und sechs Fischteichen ein Freihof, dem später durch Aufteilung des Anwesens weitere Höfe und Häuser folgten. Wann das im nördlichen Teil gelegene Landhaus entstand, ist nicht bekannt, jedoch finden sich unter den ursprünglich noch ungeteilten Landbesitz folgende Eigentümer und Pächter:
 
    1715 ging der damalige Besitzer des Freihofs Oberst Jacob Hanssen (Hansen) in Konkurs und der Königlich Preussische Secretarius in Hamburg Johann Gottfried Griesch erstand den Hof. Am 11. Oktober 1719 ging er in den Besitz von Gerhard Joachim Gehrhof aus Hamburg. Später bewohnte das Anwesen der Mediziner Philipp Ignaz Meyerhof, der seit 1725 als Arzt in Hamburg tätig war und 1730 nachträglich in Kiel zum Dr. med. promovierte. Am 18. Februar 1733 kaufte der mecklenburgische Landcommissar Ernst H(e)inrich Forch das Areal, ehe es in das Eigentum des Kanzleirates Dr. Henrich Rogge überging. Dieser verkaufte das Landgut in Dockenhuden 1749 an Rudolph von Neuendahl, der seit 1740 dem Herzog von Mecklenburg als Hofmarschall gedient hatte. Doch 1752 ging auch er in Konkurs. Der neue Besitzer Johann Christopher Grabe erfreute sich ebenfalls nur kurz an dem Gut, schon am 3. Dezember 1753 verkaufte er den Hof an den Eingesessenen Ambrosius Hinrich Piccart. In der Folge wurde das Gelände geteilt, der südliche Teil ging zunächst als Erbpacht an den Engländer William Hutchinson, während der nördliche Teil im Besitz der Familie Piccart blieb (N° 2). 1789 verhauerte die Witwe Piccart ihn an den Licentiaten Friedrich Gerhard Vogel, der seit 1765 als Advokat in Hamburg tätig war. In Sichtweite entstanden wenig später die beiden Landhäuser der Kaufleute Peter und Jean Cesar Godeffroy, denen in den nächsten Jahren weitere Bauten in der Gegend folgten.
Ländereÿen im Dorfe Dockenhuden, 1789 [1]
 
Der Jurist Vogel nutzte das Landhaus jedoch nur in den Sommermonaten, während er den Rest des Jahres im Haus der befreundeten Familie de Boor in der Hamburger Neustadt wohnte. Der Kaufmann Johann Abraham de Boor lebte mit Ehefrau Maria Elisabeth und Kindern - deren Pate Vogel war - seit den 1770er Jahren in den Kohlhöfen N° 66.
Nach dem Tode des Joh. Abraham de Boor (1799) heiratete die Witwe 1801,  schon über 55 Jahre alt, den langjährigen und mittlerweile erblindeten Freund.  1803 kaufte F. G. Vogel das Dockenhudener Landhaus schließlich der Witwe  Piccart ab und ließ es bei der Pinneberger Brandgilde mit stattlichen 6.500  Thalern  versichern.
Lic. Vogel hatte sich inzwischen aus dem Geschäftsleben zurückgezogen und  seine Advokatenpraxis an den Stiefsohn Carl Friedrich de Boor übergeben, der  1806 die Tochter des Bürgermeisters Amsinck ehelichte. Der Bau eines zweiten  Hauses auf dem Areal, für das es bereits eine Bauzeichnung des hochfürstll.  sachsen-weimarischen Baurathes Johann August Arens gab, wurde jedoch nie  verwirklicht.
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Während der Besetzung Hamburgs durch franz. Truppen hatten sich im Frühjahr  1814 die zur Befreiung anrückenden russischen Soldaten in den Landhäusern  einquartiert. Die Familie hielt sich daher schon seit dem Winter in Gartenhaus  auf. Der alte Besitzer, wohl bemüht das Schlimmste zu verhindern, erkrankte  inmitten der chaotischen Verhältnisse und starb im März 1814. 
Ausschnitt der Elbuferkarte von Ch. Fuchs, um 1850                  
               
Der Dockenhudener Landbesitz ging danach an den Stiefsohn C. F. de Boor über, der ihn die nächsten 20 Jahre mit Frau und Kindern aus zweiter und dritter Ehe als Sommersitz nutzte. Fünf seiner Kinder erblickten auf dem Anwesen das Licht der Welt, und seine erstgeborene Tochter Johanna feierte dort ihre Hochzeit. Letzteres wurde notwendig, da im Herbst des Jahres 1831 die Cholera in Hamburg ausbrach und die Familie de Boor fortan ganz auf dem Landgut lebte. Im darauffolgenden Jahr verkaufte Carl Friedrich de Boor das Stadthaus und im Frühjahr 1833 begann er meistbietend Teile des Mobiliars aus dem Landhaus zu versteigern, da man nach dem Tod des Schwiegervaters zu dessen Witwe ins holsteinische Oldesloe übersiedeln wollte.
Das Anwesen in Dockenhuden wurde derweil an den Kaufmann und späteren preußischen Generalkonsul William O'swald vermietet.
Nach Carl Friedrich de Boor wurde dessen Sohn Claus de Boor neuer Eigentümer, der mit Eintritt in die Volljährigkeit in den Besitz des Landhauses gelangte. Ebenfalls als Advokat tätig, vermählte er sich mit der ältesten Tochter des Senators Peter Siemsen, ehe er das Anwesen Michaelis 1851 an Joh. Cesar VI. Godeffroy verkaufte.
                                Villa de Boor (um 1850) [3]      
 
Godeffroy vereinigte das Areal (zwischen Elbchaussee und Kirchenstraße, heute Pepers Diek) mit seinem in der Nachbarschaft gelegenen Besitz (Hirschpark), musste den einst de Boorschen Teil später jedoch wieder veräußern. Der Landsitz ging danach an den Privatier Jacob John, der ihn 1889 an den Kaufmann Friedrich Elmenhorst verkaufte, bis ihn schließlich Friedrich Kirsten um 1900 parzellierte.
Im Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 wurde der Abriss des Gebäudes beschlossen.
              
 
 
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[1] Karte von dem in der Herrschaft Pinneberg und zwar im Kirchspiel Niensteden belegenen Dorfe DOCKENHUDEN und den dazu gehörigen Ländereÿen. Der mit N° 2 gekennzeichnete Teil war 1789 im Besitz der Wittwe Piccarten.
[2] Johann August Arens (1757-1806) und seine Frau Cecilia, geb. Liebrecht (1772-1826) waren Freunde der Familie und besuchten sich häufig gegenseitig zu musikalischen Abenden. Schon 1803 war Arens fast beständig kränklich und konnte kaum noch arbeiten. Am 18. August 1806 starb er in Pisa, wohin er seiner Gesundheit halber mit Gattin gereist war.
[3] "Villa de Boor", Aquarell von Carl Martin Laeisz um 1850.



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© Ulrich A. de Boor 2015